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Zürcher Bombenprozess

Das Zürcher Komitee „Pro India“

Der Zürcher Bombenprozess vom Juni 1919 deckte die Arbeit einer Gruppe von Indern auf, welche während des Weltkriegs von der Schweiz aus – oft in enger Zusammenarbeit mit deutschen Militärbehörden – Grossbritannien zu schwächen suchten. Ihre Absicht war, auf diesem Weg von Grossbritannien die Unabhängigkeit Indiens zu erzwingen. Im Nukleus dieser Tätigkeit in der Schweiz stand das schon vor dem Krieg gegründete Komitee “Pro India” in Zürich, dessen Vizepräsident Erwin Briess gleichzeitig als Spitzel für die britisch-indische Polizei diente.

Gründung

Die ältesten Quellen zur Gründung des Komitees stammen aus dem Umfeld der britisch-indischen Polizei, des Department of Criminal Intelligence (DCI). In seinem geheimen Überblick über die Entwicklung des “Seditionismus” in den letzten zehn Jahren schreibt der britisch-indische Beamte James Campbell Ker im Jahre 1917, das Komitee sei im Juni 1912 in Zürich gegründet worden. Bereits in seinem Wochenrapport vom 7. Juli 1914 vermerkt der DCI-Direktor, dass man eine Kopie der “lange verzögerten” ersten Ausgabe des Organs von Pro India erhalten habe. Dass die Gründung im Sommer 1912 stattgefunden habe, scheint plausibel, auch wenn der Vizepräsident Erwin Briess sein Amt erst etwa ein Jahr später übernommen haben dürfte. Die Veröffentlichungen im Namen des Komitees stärken diese Vermutung.

Erwin Briess stellt in seinem Geständnis gegenüber dem Zürcher Untersuchungsrichter vom 21. August 1918 die Entstehungsgeschichte des Komitees aus seiner eigenen Optik dar: An einem Kongress der indischen “Anarchisten” in Paris im Sommer 1913 sei beschlossen worden, das von Chempakaraman Pillai gegründete Komitee in Zürich zum Zentrum auszubauen und eine Zeitschrift in Deutsch und Englisch herauszugeben.

Tätigkeit

Tatsächlich trägt die erste Nummer (von nur zweien) von Pro India, Monatsschrift des internationalen Komitees Pro India, das Datum “Juni 1914”.Ker schreibt in seiner Überblicksdarstellung leicht süffisant, das Komitee habe ausser einigen heftig anti-britischen Artikeln in deutschen und Schweizer Zeitungen sowie einem Prospekt auf Deutsch und Französisch für die Werbung um Spenden zur Herausgabe einer Zeitschrift nichts hervorgebracht.

Einen kurzlebigen Vorläufer von Pro India gab es in Form der Zeitschrift Der Wanderer. Diese Zeitschrift für volkstümlichen Kulturaustausch und humanitäre Bestrebungen, wie sie sich im Untertitel nannte, diente in ihrer fünften Nummer vom Juli 1912 als Publikations-Organ für den Bund “Die Wanderer” und das Komitee „Pro India“.

Im Dezember 1914 druckte The Spur, die von Guy Aldred in London herausgegebene anarchistische Zeitschrift, einen Brief von Briess ab. Darin kündigte der Vizepräsident des Komitees an, dass die Zeitschrift Pro India wegen den Auflagen der Militärzensur vorläufig nicht mehr erscheinen könne.

Noch im Mai 1915 berichtet der DCI-Direktor in seinem Wochenrapport, ein “Mitglied des Pro-India-Komitees” in Zürich habe Post von Har Dayal erhalten. Die Information stammt höchstwahrscheinlich von Briess selbst, der also das Komitee als noch existent betrachtete. Weitere Aktivitäten sind jedoch nicht festzustellen.

Kurz nach Ende des Krieges nennt der Wochenrapport des DCI-Direktors eine „Pro-India Society“ in Berlin, welcher Pillai angehöre und welche – in Fortsetzung des Zürcher Pro-India Komitees aus der Vorkriegszeit – den konservativen Flügel der Bewegung repräsentiere.

Mitglieder

Ker zählt fünf Männer auf, welche 1912-14 das Zürcher Komitee bildeten: Chempakaraman Pillai als Präsidenten, Dr. Erwin Briess als Vizepräsidenten sowie die Herren Sir Walter Strickland, Shyamji Krishnavarma und Carl Bleibtreu als Mitglieder.  Briess selber spricht später davon, dass prominente Schweizer Mitglieder wie der bekannte Indologe Adolf Kaegi, Professor an der Universität Zürich, als Deckmantel gedient hätten für Zusammenkünfte mit indischen Revolutionären wie Surendra Mohan Bose, einem Experten für Sprengstoff, sowie Har Dayal oder Chandra Kanta Chakravarti.

Ich werde die fünf Komiteemitglieder in je eigenen Beiträgen kurz vorstellen.

Quellen

  • Memorandum on German literary propaganda as regards India and the Orient. Compiled by the War Office, Home Dept., December 1916 (National Archives of India)
  • Geständnis des Erwin Briess: Bundesarchiv Bern, E21#1000/131#14364* und folgende
  • James Campbell Ker, Political Trouble in India 1907-1917, Delhi 1973 (Nachdruck v. 1917)
  • Weekly report. Department of Criminal Intelligence (National Archives of India)
  • Harald Fischer-Tiné, The Other Side of Internationalism: Switzerland as a Hub of Militant Anti-​​Colonialism (c. 1910-​​1920), in: Purtschert, Patricia, Fischer-​​Tiné, Harald (eds.), Colonial Switzerland. Rethinking Colonialism from the Margins, Basingstoke 2015, pp. 221-​​258.