Kategorien
Zürcher Bombenprozess

Fakten und Legenden um Chempakaraman Pillai

Der Zürcher Bombenprozess vom Juni 1919 rückte das Komitee “Pro India” kurzzeitig ins Licht der Öffentlichkeit. Dem 1912 in Zürich gegründeten Komitee war kein langes Leben beschieden gewesen. Kaum hatte es 1914 endlich den Hauptzweck seiner Tätigkeit aufnehmen können und die ersten beiden Ausgaben der gleichnamigen Zeitschrift veröffentlicht, brach der Krieg aus. Der Präsident des Komitees, der junge indische Student Chempakaraman Pillai, ging nach Berlin.

Chempakaraman Pillai (1891-1934) war ein “Protégé” des exzentrischen und scharf antikolonial eingestellten Briten Sir Walter Strickland. Er stammte aus Trivandrum, einer Stadt im heutigen Bundesstaat Kerala an der Malabar-Küste, und war in jungen Jahren von Strickland nach Europa gebracht worden. Dieser finanzierte ihm das Studium an der Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH in Zürich. Pillais Name gelangte einige Male in die Presse – in einem sehr positiv gehaltenen Kontext: Er wurde im Juni 1913 zum Präsidenten des neu gegründeten internationalen Studentenvereins Corda Fratres, welcher Studierende der Universität Zürich und der Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH Zürich umfasste, gewählt. In dieser Funktion hielt er an der Weihnachtsfeier des Vereins die Eröffnungsrede “in perfektem Deutsch gesprochen”, wie die NZZ vermerkt.

1914 rezitierte Pillai an der 1.-Mai-Feier der Sozialisten in Zürich ein Gedicht von Rabindranath Tagore, des Trägers des Nobelpreises für Literatur von 1912, und brachte eine Resolution gegen die britische Herrschaft in Indien ein. Fast am gleichen Tag trat er im Kabarett Pantagruel im “Holländerstübli” an der Spiegelgasse auf – im gleichen Lokal, in dem kaum zwei Jahre später die Geburt von Dada über die Bühne gehen wird. Pillai sorgte dabei gemäss Ankündigung in der NZZ für “exotische Kunst”. Er wohnte an der Bolleystrasse 56, die Adresse diente gleichzeitig als Anschrift für das Pro-India-Komitee.

Nach Berlin

Die britisch-indische Polizei, das Department of Criminal Intelligence (DCI), war informiert darüber, dass Pillai kurz nach Kriegsausbruch im September 1914 mit dem deutschen Generalkonsul in Zürich Kontakt aufgenommen hatte. In dieser Unterredung sei es auch um die Frage gegangen, ob die Zeitschrift Pro India künftig in Deutschland gedruckt werden könne, da deren Druck in der Schweiz nicht mehr möglich sei. Im folgenden Monat dann sei Pillai von Zürich nach Berlin gereist und dort in den Dienst der Nachrichtenstelle für den Orient (NfO) des deutschen Aussenamtes getreten.

In diesen Monaten überwarf sich Pillai offenbar, vermutlich vorübergehend, mit Strickland. Gemäss DCI-Quellen forderte dieser von seinem Schützling Bücher und Hefte zurück, die er ihm in Obhut gegeben hätte. Pillai habe aber fünf Hefte bei sich behalten, welche den Entwurf eines Romans enthielten. Darauf habe Strickland die Filiale Genf seiner Bank angewiesen, die Zuwendung von 300 Franken pro Monat an Pillai zu stoppen. Das Druckmittel war wirkungslos, da Pillai inzwischen über genügend Geldmittel aus dem Fonds des deutschen Aussenamtes verfügte.

Abgetaucht

Pillai verbrachte Ende Mai 1915 eine Woche in der Schweiz, wo er Viendranath Chattopadhyaya (”Chatto”) sowie Shyamji Krishnavarma traf. Zudem ist er im Frühjahr 1915 auf einer Fotografie zu sehen, welche eine Gruppe von “Orientalen” (Türken, Araber, Ägypter, Perser und Inder) beim Besuch des Kriegsgefangenenlagers von Döberitz bei Berlin zeigt. Dort waren Soldaten aus diesen Ländern gefangen gehalten, welche auf Seiten der Briten und teilweise der Franzosen gekämpft hatten und in die Hände der Deutschen gefallen waren. Freilich scheint Pillai in den Berliner Zirkeln der NfO sowie der Indian National Party resp. des Indian National Committee nur noch eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben. So gehörte er nicht zu den Unterzeichnern des Vertrags zwischen dem Deutschen Reich und dem Indischen Komitee von Anfang 1915. Er tauchte wieder auf als einer der Redner, die am 10. Mai 1919 an den indischen Aufstand von 1857 erinnerten. Im gleichen Atemzug nennt die DCI-Quelle eine Pro-India Society, der Pillai angehöre und welche – in Fortsetzung des Zürcher Pro-India Komitees aus der Vorkriegszeit – den konservativen Flügel der Bewegung repräsentiere.

Statue von Chempakaraman Pillai in Chennai, Indien.
By Surya Prakash.S.A. – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17818060

Nach dem Krieg lebte Pillai – wiederum gemäss DCI – weiterhin in Berlin, wo er zusammen mit einem deutschen Partner eine Galerie für indische Kunst führe. Diese diene aber in Tat und Wahrheit als konspirativer Treffpunkt für indische, türkische, ägyptische und andere Revolutionäre.

Er verbrachte offenbar den Rest seines relativ kurzen Lebens in Berlin und starb dort am 28. Mai 1934.

Legenden

Über Pillai sind einige Legenden im Umlauf, die sich aber beim näheren Betrachten in Luft auflösen. Der New Indian Express schreibt in einer kurzen Biografie, Pillai habe nach Studien in Italien und der Schweiz ein Doktorat in Politikwissenschaften und Wirtschaft erworben. Darauf habe er, bewaffnet mit einem Ingenieur-Diplom, Dienst als Offizier in der deutschen Marine angetreten und in dieser Funktion auf der SMS Emden an der Beschiessung von Madras am 22. September 1914 teilgenommen. Zudem soll er in der am 1. Dezember 1915 in Kabul proklamierten provisorischen Regierung Indiens unter dem Staatspräsidenten Mahendra Pratap und dem Premierminister Mohamed Barkatullah als Aussenminister gedient haben – eine Legende, welche auch die englischsprachige Wikipedia verbreitet. Diese Angaben sind äusserst unwahrscheinlich. Zum einen gehen sie nicht zusammen mit einigen der oben erwähnten Daten. Zum anderen wird Pillai in den überlieferten Berichten zu den beiden Ereignissen nie erwähnt. Ein aus Indien stammender Offizier auf einem deutschen Kriegsschiff wäre zudem eine Rarität gewesen, die zweifellos ihre Spuren in den Quellen hinterlassen hätte.

Quellen

  • Memorandum on German literary propaganda as regards India and the Orient. [Compiled by the War Office] Home Dept., December 1916; National Archives of India (NAI)
  • Neue Zürcher Zeitung, dat. 27.06.1913; 19.12.1913; 05.05.1914;
  • Weekly report, Director Department of Criminal Intelligence (NAI): 26.05.1914; 20.10.1914; 17.11.1914; 29.06.1915; 27.07.1915; 17.08.1915 Supplement; 24.02.1919; 25.08.1919; 21.06.1920
  • New Indian Express, 04.12.2007
  • https://en.wikipedia.org/wiki/Chempakaraman_Pillai (08.08.2020)
  • Hellmuth von Mücke, Emden, Boston 1917
  • Werner Otto von Hentig, Meine Diplomatenfahrt ins verschlossene Land, Berlin/ Wien 1918
Kategorien
Zürcher Bombenprozess

Das Zürcher Komitee „Pro India“

Der Zürcher Bombenprozess vom Juni 1919 deckte die Arbeit einer Gruppe von Indern auf, welche während des Weltkriegs von der Schweiz aus – oft in enger Zusammenarbeit mit deutschen Militärbehörden – Grossbritannien zu schwächen suchten. Ihre Absicht war, auf diesem Weg von Grossbritannien die Unabhängigkeit Indiens zu erzwingen. Im Nukleus dieser Tätigkeit in der Schweiz stand das schon vor dem Krieg gegründete Komitee “Pro India” in Zürich, dessen Vizepräsident Erwin Briess gleichzeitig als Spitzel für die britisch-indische Polizei diente.

Gründung

Die ältesten Quellen zur Gründung des Komitees stammen aus dem Umfeld der britisch-indischen Polizei, des Department of Criminal Intelligence (DCI). In seinem geheimen Überblick über die Entwicklung des “Seditionismus” in den letzten zehn Jahren schreibt der britisch-indische Beamte James Campbell Ker im Jahre 1917, das Komitee sei im Juni 1912 in Zürich gegründet worden. Bereits in seinem Wochenrapport vom 7. Juli 1914 vermerkt der DCI-Direktor, dass man eine Kopie der “lange verzögerten” ersten Ausgabe des Organs von Pro India erhalten habe. Dass die Gründung im Sommer 1912 stattgefunden habe, scheint plausibel, auch wenn der Vizepräsident Erwin Briess sein Amt erst etwa ein Jahr später übernommen haben dürfte. Die Veröffentlichungen im Namen des Komitees stärken diese Vermutung.

Erwin Briess stellt in seinem Geständnis gegenüber dem Zürcher Untersuchungsrichter vom 21. August 1918 die Entstehungsgeschichte des Komitees aus seiner eigenen Optik dar: An einem Kongress der indischen “Anarchisten” in Paris im Sommer 1913 sei beschlossen worden, das von Chempakaraman Pillai gegründete Komitee in Zürich zum Zentrum auszubauen und eine Zeitschrift in Deutsch und Englisch herauszugeben.

Tätigkeit

Tatsächlich trägt die erste Nummer (von nur zweien) von Pro India, Monatsschrift des internationalen Komitees Pro India, das Datum “Juni 1914”.Ker schreibt in seiner Überblicksdarstellung leicht süffisant, das Komitee habe ausser einigen heftig anti-britischen Artikeln in deutschen und Schweizer Zeitungen sowie einem Prospekt auf Deutsch und Französisch für die Werbung um Spenden zur Herausgabe einer Zeitschrift nichts hervorgebracht.

Einen kurzlebigen Vorläufer von Pro India gab es in Form der Zeitschrift Der Wanderer. Diese Zeitschrift für volkstümlichen Kulturaustausch und humanitäre Bestrebungen, wie sie sich im Untertitel nannte, diente in ihrer fünften Nummer vom Juli 1912 als Publikations-Organ für den Bund “Die Wanderer” und das Komitee „Pro India“.

Im Dezember 1914 druckte The Spur, die von Guy Aldred in London herausgegebene anarchistische Zeitschrift, einen Brief von Briess ab. Darin kündigte der Vizepräsident des Komitees an, dass die Zeitschrift Pro India wegen den Auflagen der Militärzensur vorläufig nicht mehr erscheinen könne.

Noch im Mai 1915 berichtet der DCI-Direktor in seinem Wochenrapport, ein “Mitglied des Pro-India-Komitees” in Zürich habe Post von Har Dayal erhalten. Die Information stammt höchstwahrscheinlich von Briess selbst, der also das Komitee als noch existent betrachtete. Weitere Aktivitäten sind jedoch nicht festzustellen.

Kurz nach Ende des Krieges nennt der Wochenrapport des DCI-Direktors eine „Pro-India Society“ in Berlin, welcher Pillai angehöre und welche – in Fortsetzung des Zürcher Pro-India Komitees aus der Vorkriegszeit – den konservativen Flügel der Bewegung repräsentiere.

Mitglieder

Ker zählt fünf Männer auf, welche 1912-14 das Zürcher Komitee bildeten: Chempakaraman Pillai als Präsidenten, Dr. Erwin Briess als Vizepräsidenten sowie die Herren Sir Walter Strickland, Shyamji Krishnavarma und Carl Bleibtreu als Mitglieder.  Briess selber spricht später davon, dass prominente Schweizer Mitglieder wie der bekannte Indologe Adolf Kaegi, Professor an der Universität Zürich, als Deckmantel gedient hätten für Zusammenkünfte mit indischen Revolutionären wie Surendra Mohan Bose, einem Experten für Sprengstoff, sowie Har Dayal oder Chandra Kanta Chakravarti.

Ich werde die fünf Komiteemitglieder in je eigenen Beiträgen kurz vorstellen.

Quellen

  • Memorandum on German literary propaganda as regards India and the Orient. Compiled by the War Office, Home Dept., December 1916 (National Archives of India)
  • Geständnis des Erwin Briess: Bundesarchiv Bern, E21#1000/131#14364* und folgende
  • James Campbell Ker, Political Trouble in India 1907-1917, Delhi 1973 (Nachdruck v. 1917)
  • Weekly report. Department of Criminal Intelligence (National Archives of India)
  • Harald Fischer-Tiné, The Other Side of Internationalism: Switzerland as a Hub of Militant Anti-​​Colonialism (c. 1910-​​1920), in: Purtschert, Patricia, Fischer-​​Tiné, Harald (eds.), Colonial Switzerland. Rethinking Colonialism from the Margins, Basingstoke 2015, pp. 221-​​258.
Kategorien
Zürcher Bombenprozess

Der Kronzeuge Erwin Eduard Briess

Der Zürcher Bombenprozess vom Juni 1919 brachte ein seltsames Amalgam vor den Schranken des Bundesgerichts zusammen: die Agitation der deutschen Kriegsbehörden in der und durch die Schweiz, den antikolonialen Widerstand indischer und anderer Kreise gegen das britische Imperium, die Netzwerke der (vorwiegend) italienischen Anarchisten sowie russischer und schweizerischer Sozialisten, und schliesslich die deutschfreundliche Zürcher Polizei, welche in den unsicheren Tagen der deutschen Revolution ihre gesamte Energie gegen die “bolschewistische Gefahr” wandte.

Mitten in diesem Wirbelsturm stand Erwin Briess, Doktor der Philosophie, der als Spitzel für die britisch-indische Polizei unfreiwillig zum Zeugen der Anklage wurde. Briess war eine unauffällige Erscheinung mit einem Zwicker auf der Nase und adrett zur Seite gekämmtem hellem Haar. Er war gebürtig aus Prerau bei Olmütz, das in jenen Tagen gerade vom

Erwin Briess 1929. Aus: Dr. Erwin Debries, Hollywood wie es wirklich ist, Zürich 1930, Bild 49 (Ausschnitt)

Habsburgerreich in die neu gebildete Tschechoslowakei überführt wurde. Als Briess etwa zwei Jahre alt war, hatte die Familie ihren Wohnsitz nach Zürich verlegt und war dort 1899 eingebürgert worden. Er hatte im Sommer 1912 in Wien das Studium der “Orientalischen Philosophie” mit der Dissertation abgeschlossen  und wandte er sich ein Jahr später – nach einigen zaghaften Versuchen, im Wissenschaftsbetrieb Fuss zu fassen – auf der Suche nach einer interessanten und Existenz sichernden Tätigkeit an den britischen Konsul Heinrich Angst in Zürich. Dieser vermittelte den jungen Indologen an die britisch-indische Polizei.

Paris und Genf

Sein erster Auftrag lautete, die sich in Paris versammelnde Gruppe der in Europa domizilierten “Seditionisten” auszukundschaften. Als Seditionisten wurden nach offiziellem britischem Sprachgebrauch die Verfechter einer indischen Unabhängigkeit – oder auch bloss einer weitgehenden Selbstverwaltung Indiens im Rahmen eines lockerer gefügten Empires – bezeichnet. Briess reiste mit diesem Auftrag nach Paris und traf dort viele wichtige Köpfe der Bewegung. Es gelang ihm aber nach eigenen Angaben nicht, an den Kongress der Antikolonialisten zugelassen zu werden. Ebenso war ihm der Zutritt zu einer gleichzeitig stattfindenden Versammlung internationaler Anarchisten verwehrt. Eine zentrale Bezugsperson der antikolonialen Bewegung in Paris, Shyamji Krishnavarma, verlegte im Frühjahr 1914 und damit gerade noch rechtzeitig vor dem Ausbruch des Grossen Krieges ihren Wohnsitz von Paris nach Genf. Briess erhielt von den Briten den Auftrag, seine Tätigkeit ebenfalls schwerpunktmässig nach Genf auszurichten.

Gleichzeitig war in Paris beschlossen worden, das seit 1912 existierende Komitee “Pro India” in Zürich zu stärken und neu auf die Zusammenarbeit mit Deutschland hin auszurichten. Zu diesem Zweck wurde das Komitee breiter aufgestellt und Briess zu seinem Vizepräsidenten ernannt. Er musste seine Tätigkeit für die britisch-indische Polizei natürlich geheim halten und entsprechend tarnen. Dazu diente ihm sein Interesse an Film und Kabarett, das ihn sein ganzes Leben begleitete. Er begann, für die ursprünglich von Karl Kraus herausgegebene Zeitschrift Artist zu schreiben, und berichtete darin über die Programmwechsel und Neueröffnungen diverser Kabaretts in Zürich. Wie alle seine journalistischen Versuche im Laufe seines Lebens endete auch diese Zusammenarbeit nach relativ kurzer Zeit: Nachweisen lassen sich Artikel zwischen Februar 1915 und Januar 1916, also genau während der Zeit, als Briess mit den Antikolonialisten Virendranath Chattopadhyaya (”Chatto”) und Abdul Hafis auf der einen sowie den Anarchisten Luigi Bertoni (Genf) und Arcangelo Cavadini (Zürich) auf der anderen Seite im Kontakt stand.

Das Jahr 1915

Im Lauf der ersten Jahreshälfte 1915 fanden mehrere Treffen zwischen Chatto, Hafis und Bertoni bei Anwesenheit von Briess statt. Im Juli 1915 wurde dieser von Hafis, einem Chemiker und Sprengmittelspezialisten, in die Übergabe von Sprengstoffen und Bakterienkulturen aus deutschen Beständen an Cavadini in Zürich einbezogen. Geplant waren sie zum Einsatz in Italien. Briess und Hafis brachten gemeinsam die von einem diplomatischen Kurier gelieferten Kisten in Briess’ Büro, wo sie kurzfristig aufbewahrt wurden, bevor Cavadini sie häppchenweise abholte. Es waren Materialien, mit denen in Italien eine „Propaganda der Tat“ gegen die Kriegsbeteiligung organisiert werden sollte. Sie blieben aber in Zürich und wurden knapp drei Jahre später im April 1918 aus der Limmat gefischt, was schliesslich zum “Zürcher Bombenprozess” vom Juni 1919 führte.

Nach dem Fund der Sprengstoffe am 22. April 1918 wurde Briess fünf Tage später in Genf verhaftet und nach Zürich überstellt und neben Dutzenden von weiteren Untersuchungsgefangenen im neuen Bezirksgebäude festgehalten. Im Abstand einiger Tage musste er immer wieder dem Untersuchungsrichter Otto Heusser Red und Antwort stehen. Verhaftet vermutlich aufgrund der Aussagen Cavadinis (der sich in der Nacht vom 25. auf den 16. April im Untersuchungsgefängnis das Leben genommen hatte), leugnete Briess über Monate hartnäckig jedes Wissen um die untersuchten Sachverhalte und Zusammenhänge. Erst als sich der Kriegsverlauf dramatisch zu Ungunsten des Deutschen Reiches drehte und sich die Stimmung in der Deutschschweiz – und somit auch in der Zürcher Polizei – von Deutschland ab- und den USA zuwandte, wagte er den Schritt in die Rechtfertigung und gestand am 21. August 1918 seine Rolle als Spitzel für die Engländer. Heusser behielt ihn trotzdem bis Ende des Jahres in Untersuchungshaft. Er verhörte ihn noch mehrere Male und liess sich Briess’ Version der Geschichte immer wieder neu erzählen. Am 28. Dezember 1918 erst öffnete sich für Briess das Gefängnistor. Sein Gesuch um eine Entschädigung für die acht Monate Untersuchungshaft wies der Bundesanwalt als “Unverfrorenheit” zurück.

Briess’ Verrat seiner Agenten-Tätigkeit – in der Theorie eine Todsünde für einen Geheimdienstler – verschaffte ihm eine kurzzeitige Berühmtheit. In den Tagen des Prozesses im Juni 1919 berichtete die Weltpresse aus dem Zürcher Gerichtssaal, und als Briess zusammen mit einem Kollegen am späteren Abend des 6. Juni beim Verlassen der Gastwirtschaft an der Militärstrasse tätlich angegriffen wurde, war dies in London, New York und anderswo eine Zeitungsnotiz wert.

Artikel im Volksrecht

Diesem handgreiflichen Überfall war ein nicht sehr schmeichelhaftes Porträt des “Kronzeugen” im Zürcher Volksrecht, der vom späteren ersten SP-Bundesrat Ernst Nobs geführten sozialdemokratischen Zeitung, vorangegangen. Der Leitartikel ist nicht gezeichnet, also entweder von

Die Karriere des Ernst Nobs. Nebelspalter 30. Dezember 1943. Schweizerische Nationalbibliothek.

Nobs selber verfasst oder aber von ihm gutgeheissen. Das Volksrecht zeichnet ein Bild von Briess, das auf der einen Seite sehr positiv ist: Briess sei ”ein Kerl von fabelhafter Gewandtheit und Anpassungsfähigkeit”, dessen “Vielsprachigkeit, sein gesellschaftlicher Schliff, seine Intelligenz und Behendigkeit” ihn zu einem “erstklassigen Qualitätsarbeiter” machten.

Dann aber macht sich das Volksrecht die im Krieg gewachsene Fremdenfeindlichkeit zu Nutze, um ihn mit zurechtgebogenen Auskünften anzuschwärzen: Er habe sich nach dem Doktorat “von einer Küste an die andere werfen lassen” und sei im Dienst der Engländer in Indien gestanden. “Allein wie der Weltkrieg kommt, wird die Schweiz (…) zu seinem eigentlichen Tätigkeitsgebiet (…).” Briess pflege seine Sachen praktisch anzupacken und sei deshalb Schweizerbürger geworden, um hier ungestört arbeiten zu können. Das Volksrecht suggeriert dabei, aufbauend auf einer falschen Information (Einsatz in Indien), eine falsche zeitliche Abfolge (zuerst Spitzel, dann Schweizer Bürger), um Briess – dessen Wohnadresse im Artikel ebenfalls erwähnt wird – in den Augen der Leserinnen und Leser zu diskreditieren.

Nach dem Bombenprozess stand Briess im September 1920 kurzzeitig im Dienst der Bundesanwaltschaft. Dass er, wie er selber im März 1921 der Genfer Polizei gegenüber angibt, auch für den Generalstab gearbeitet habe, lässt sich in den bisher bekannten Quellen nicht bestätigen. Ebenfalls muss offenbleiben, ob er im Oktober 1923, als er in Paris als Vertreter der rheinischen Unabhängigkeitsbewegung auftrat, noch immer in englischen Diensten stand.

Aus dem Tritt

Generell hat Briess nach dem triumphal-demütigenden Auftritt vor dem Bundesgericht im Juni 1919 vieles angefangen und wenig zustande gebracht. Er leitete um 1927 herum kurzzeitig das Kabarett Tabarin in Zürich. 1926 und 1928/29 reiste er drei Mal in die USA. Nach der dritten Reise veröffentlichte er das Büchlein Hollywood wie es wirklich ist (Zürich und Leizig 1930), welches bis heute in der Fachliteratur zitiert wird. Das dabei verwendete Pseudonym Erwin Debries diente ihm auch in seiner kurzzeitigen journalistischen Arbeit für den Ringier-Verlag Anfang der 1930er Jahre (L’Illustré), während er sich als Schweizer Korrespondent für das amerikanischen Magazin Variety etwas hochtrabend Prof. E.B.Rice nannte.

Nachdem er irgendwann in den 1920er Jahren aus dem Dienst für die Briten ausgeschieden war, versuchte sich Briess nicht nur als Journalist oder Kabarett-Leiter, sondern auch als Übersetzer, Kunsthändler und Verleger esoterischer Materialien. Dass er den Boden nicht mehr unter die Füsse bekam, bezeugen die vielen Anklagen wegen Betrugs, Hehlerei, Verbreitung unzüchtiger Schriften, aber auch Nachtlärm und Streit usw. Wenige Jahre vor seinem Tod musste er den Privatkonkurs anmelden, wobei er von seiner ersten Frau – er war zwei Mal für kurze Zeit verheiratet – beschuldigt wurde, Vermögenswerte verheimlicht zu haben. Für die Zürcher Polizei, die 1944 auf Gesuch der Bundesanwaltschaft hin ein Profil von ihm erstellte, war Briess inzwischen “eine mehr als zweifelhafte Existenz” geworden.

Quellen

Ich stütze mich für diesen Beitrag hauptsächlich auf folgende Materialien:

  • Archiv der Universität Wien, Akt PH RA 3431 Briess, Erwin Eduard
  • Harald Fischer-Tiné: Shyamji Krishnavarma. Sanskrit, Sociology and Anti-Imperialism. New Delhi, Milton Park 2014
  • Kantonsbibliothek AR, Trogen, CMO-55
  • Bundesarchiv Bern, E21#1000/131#14364* und folgende
  • Volksrecht Juni 1919
  • Staatsarchiv Kanton Zürich, Z.673.1172
Kategorien
Verschiedenes

Das Fotoalbum Edmund von Schumachers aus dem Kongo

Wie kommt ein Album mit 90 Amateurfotografien aus dem Kongo in die Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern? Von wann datiert es, und unter welchen Umständen ist es entstanden? Was zeigen die Bilder, und was verschweigen sie? Ich bin den Spuren eines Luzerner Regierungsrats gefolgt, der im Auftrag des belgischen Königs Leopold II. die international heftig debattierten Zustände in dessen Privatkolonie Kongo untersuchte und sich nur zu einer sehr leisen Kritik durchringen konnte. Trotzdem bildet das Album den Kern einer Geschichte von rassistischer Überheblichkeit, Gewalt und Ausbeutung, die selbst in der blutigen Kolonisierung Afrikas ihresgleichen sucht.

Mein Beitrag ist erschienen im Sammelband Afrika im Blick. Afrikabilder im deutschsprachigen Europa 1870-1970, herausgegeben vom Manuel Menrath. Das Buch finden Sie hier: https://www.chronos-verlag.ch/node/20693?

Den ganzen Text meines Beitrags finden sie hier: https://www.academia.edu/4224142/Andenken_Abenteuer_Anklage._Gedanken_zu_einem_Fotoalbum_aus_dem_Kongo_1904_05

Kategorien
Leah Hirsig

Babalon – die Lebensgeschichte der Leah Hirsig

Vom braven Lehrerinnen-Dasein in der Grossstadt gerät Leah Hirsig in den Strudel von Esoterik, Sex und Drogen. Als Zweijährige mit ihrer Mutter und fünf älteren Schwestern aus dem Schweizer Emmental nach New York umgepflanzt, lernt sie dort im Alter von 35 Jahren den englischen Exzentriker und Okkultisten Aleister Crowley kennen. Sie greift ihm als dessen „Scharlachfrau“, als seine „Babalon“ beim Aufbau der Abtei von Thelema auf Sizilien unter die Arme. Die esoterische Kommune ist für alle Beteiligten ein Ritt am Abgrund. Schliesslich wird Leah von Crowley verstossen. Sie fällt tief und lebt in Paris einen harten Winter lang in der Gosse. Unter äusserstem Aufwand an Kraft und Willen gelingt es ihr, wieder Boden unter die Füsse zu kriegen. Der Preis dafür ist hoch: Sie wird gezwungen, auf ihre beiden Söhne zu verzichten.

Den biografischen Roman über das Leben von Leah Hirsig finden Sie hier: https://www.zocher-peter.ch/#lit2

Kategorien
Spukfall Joller

Der Spukfall Melchior Joller

Die unerklärlichen Geschehnisse im Haus von Melchior Joller faszinieren bis heute. Aber was geschah im Jahre 1862 im schweizerischen Stans wirklich? Ich habe mir die Frage gestellt: Welche Erkenntnisse kann ich mit dem Werkzeug des Historikers gewinnen? Waren der erschreckende Lärm wirkich, oder bildete sich die Familie alles nur ein? Haben Lausbuben ihre bösen Streiche gespielt, oder hat gar Joller alles selber inszeniert? Und warum hat die offzielle Untersuchungskommission keinen Abschlussbericht verfasst? Kommen Sie mit auf die Spurensuche zwischen hoher Politik und Dorfintrigen, zwischen Volksfrömmigkeit und Kirchenmacht, zwischen bürgerlicher Familienmoral und jugendlicher Querköpfigkeit.

Hier finden Sie eine Zusammenfassung meines Buches: https://www.academia.edu/1642911/Das_Spukhaus_von_Melchior_Joller_Stans_Schweiz_1862_

Here you will find an abstract in English: https://www.academia.edu/1642908/The_Haunted_House_of_Melchior_Joller_Stans_Switzerland_1862_

Das Buch bestellen können Sie hier: https://www.hierundjetzt.ch/de/catalogue/schreckliche-gesellschaft_13000172/

Kategorien
Verschiedenes

Zwischen den Seen

Ein Hügelzug trennt die beiden Gemeindeteile von Küssnacht im Kanton Schwyz voneinander: das Dorf Küssnacht liegt am Vierwaldstättersee, das Dorf Immensee am Zugersee. Zwei Schiffsstationen, zwei Bahnhöfe, beiden gemeinsam aber die imposante Flanke der Rigi, die alles überragt.

Im Auftrag der Gemeinde Küssnacht entstand das Buch „3 Orte, 2 Seen, 1 Berg – Bezirk Küssnacht“ unter der Leitung von Michael van Orsouw. Es wurde von der Gemeinde 2008 veröffentlicht.

Das attraktiv gestaltete Buch ist bei der Gemeinde Küssnacht SZ erhältlich.

Diese originell gegliederte Gemeindegeschichte erzählt nicht einfach eine lineare Herkunft von Politik und Gesellschaft. Vielmehr begibt sie sich an 15 verschiedene Orte im Hier und Heute, um dort in die Tiefe zu bohren und danach zu fragen, welche historischen Erfahrungen sich an diesem speziellen Platz gesammelt und ihn mit Bedeutung aufgeladen haben.

Ich durfte vier Orte in Küssnacht besuchen und die entsprechenden Beiträge verfassen. Es sind:

Schule, Mission und Geschäfte – über die Missionsgesellschaft Immensee am oberen Ende der Hohlen Gasse.

Vom Allmendland zur Grosssägerei – über den Umgang mit dem Wald und die Sägerei der Firma Schilliger AG im Weiler Haltikon.

Auftaktbild Zum Vergnügen auf die Alp.

Zum Vergnügen auf die Alp – über die Alpnutzung und deren Ablösung durch den Tourismus.

Kreuzung internationaler Verbindungen – über den Fernverkehr, der sich schon lange vor dem Bau der Gotthardlinie durch Immensee bewegte.

Kategorien
Verschiedenes

Planung und Bau der Gotthardbahn

Man mag den Gotthard heute als die logische Route für eine alpenquerende Eisenbahnlinie ansehen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war dies keineswegs der Fall. Harte politische Auseinandersetzungen gingen der konkreten Umsetzung voraus. Diese war begleitet von Schwierigkeiten der Finanzierung, menschenunwürdigen Unterkünften für die Arbeiter und dutzenden von Unfallopfern. Nachdem der Tunnel und mit ihm die gesamte Strecke im Mai 1882 feierlich eröffnet worden waren, verkürzte die neue Alpenbahn die Reise zwischen Nord- und Südeuropa auf Stunden, wo zuvor in Tagen zu rechnen war. Die Entwicklung des Schweizer Eisenbahnnetzes erreichte mit dem Bau und der Eröffnung der Gotthardbahn ihren vorläufigen Höhepunkt.

Mein Beitrag zu diesem Thema erschien unter dem Titel Der Durchlass im Alpenwall: Planung und Bau. 1860er-Jahre bis 1882 im Buch von ViaStoria und Kilian T. Elsasser (Hg.) Der direkte Weg in den Süden. Die Geschichte der Gotthardbahn. Zürich, 2007

Cover des genannten Buches.

Kategorien
Verschiedenes

Louis Favre und der Gotthardtunnel

Im Zuge meiner Arbeit für die Eisenbahn-Ausstellung im Verkehrshaus der Schweiz in Luzern entstand ein Porträt des Ingenieurs Louis Favre, der mit seiner Baufirma ab 1872 den alten Eisenbahntunnel durch den Gotthard erbaute. Die Persönlichkeit Favres wird eingezeichnet in die wirtschaftlichen und politischen Zeitumstände. Die Verletzlichkeit der damaligen Schweiz liess es als beinahe zwingend erscheinen, dass Wissen und Kapital aus der Romandie in das gewaltige, Norden und Süden durch die Deutschschweiz und das Tessin verbindende Vorhaben eingebunden wird. „Wenn es Louis Favre, den Genfer Helden am Gotthard nicht gegeben hätte, man hätte ihn erfinden müssen.“

Merin Beitrag „Der Gotthard hat sein Haar gebleicht“. Legenden und Wahrheiten um Louis Favre findet sich auf den Seiten 181 – 190 des unten abgebildeten Buches.

Verkehrshaus der Schweiz (Hg.), Kohle, Strom und Schienen. Die Eisenbahn erobert die Schweiz. Katalog zur Ausstellung „Schienenverkehr“ im Verkehrshaus der Schweiz. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich, 1997
Kategorien
Verschiedenes

Die 1920er-Jahre in der Innerschweiz

Die Zeit zwischen dem Ersten Weltkrieg und dem Beginn der Nazi-Herrschaft in Deutschland galt auch in den inneren Regionen der Schweiz als „Goldene 20er-Jahre“ – wenn auch mit Schattenseiten. Das Buch, von Michael van Orsouw konzipiert und von mir und ihm geschrieben, wirft einen vertieften Blick auf die Spannungen zwischen Reaktion und Avantgarde, zwischen Armut und Reichtum, zwischen Rückständigkeit und blindem Technikglauben in den Kantonen rund um Vierwaldstätter- und Zugersee. Die zwölf Jahreskapitel von 1919 bis 1930 sind jeweils einem bestimmenden Thema gewidmet und mit Zeitzeugen-Interviews sowie einer Tabelle der wichtigsten Ereignisse ergänzt.

Michael van Orsouw, Lukas Vogel, Goldglanz und Schatten. Die Innerschweiz in den 1920er-Jahren. Luzern 2005

Von mir stammen folgende Kapitel:

1923 – der Traum vom Fliegen und die Realität. Über die Wandlung der Fliegerei vom Schaugeschäft zum Verkehrsmittel.

1927 – Das „Schandbad“ und das Strandbad. Über die neue Freizeitgestaltung unter dem Eindruck eines stetigen wirtschaftlichen Aufschwungs.

1928 – Die Enge und die „Columbus“. Über den in den ländlichen Gegenden anhaltenden Druck zur Auswanderung.