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Leah Hirsig

Babalon – die Lebensgeschichte der Leah Hirsig

Vom braven Lehrerinnen-Dasein in der Grossstadt gerät Leah Hirsig in den Strudel von Esoterik, Sex und Drogen. Als Zweijährige mit ihrer Mutter und fünf älteren Schwestern aus dem Schweizer Emmental nach New York umgepflanzt, lernt sie dort im Alter von 35 Jahren den englischen Exzentriker und Okkultisten Aleister Crowley kennen. Sie greift ihm als dessen „Scharlachfrau“, als seine „Babalon“ beim Aufbau der Abtei von Thelema auf Sizilien unter die Arme. Die esoterische Kommune ist für alle Beteiligten ein Ritt am Abgrund. Schliesslich wird Leah von Crowley verstossen. Sie fällt tief und lebt in Paris einen harten Winter lang in der Gosse. Unter äusserstem Aufwand an Kraft und Willen gelingt es ihr, wieder Boden unter die Füsse zu kriegen. Der Preis dafür ist hoch: Sie wird gezwungen, auf ihre beiden Söhne zu verzichten.

Den biografischen Roman über das Leben von Leah Hirsig finden Sie hier: https://www.zocher-peter.ch/#lit2

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Aleister Crowley, Marian Dockerill und William Seabrook: Grenzen sprengen

Der englische Schriftsteller John Symonds veröffentlichte vier Jahre nach dessen Tod die erste Biografie des exzentrischen Bergsteigers, Poeten und Okkultisten Aleister Crowley (The Great Beast. The Life of Aleister Crowley, London 1951). Darin beschreibt er die erste Begegnung Crowleys mit seiner nachmaligen „Scharlachfrau“ Leah Hirsig 1919 in New York. Symonds stützt sich auf zwei Quellen, die unter dem Autorennamen „Marian Dockerill“ publiziert worden waren. Nach wie vor gibt dieser Autorenname Rätsel auf. Deren Lösung dürfte einen Einfluss auf die künftige Forschung um Crowley und seine Thelema-Religion haben. Zudem fanden die beiden Dockerill-Texte auch anderweitig Eingang in die Literatur. Hugh Urban zitiert sie in seinem Buch Magia Sexualis: Sex, Magic, and Liberation in Modern Western Esotericism (Oakland, 2006), und Mel Gordon stützt ein ganzes Kapitel seines Buches Voluptuous Panic – The Erotic World of Weimar Berlin (2., erweiterte Auflage Los Angeles, 2008) auf die entsprechenden Teile der Dockerill-Publikationen ab.

Ausriss aus der Tampa Bay Times 11. April 1926

Bei den beiden Veröffentlichungen handelt sich zum einen um eine Serie von Zeitungsartikeln, zum andern um eine Broschüre. Zwischen März und Mai 1926 erschien in vielen Zeitungen quer durch die USA eine Serie von acht Doppelseiten unter dem stets gleichen Titel Confessions of a ‚High Priestess‘ in America’s Notorious ‚Love Cults‘. Jeder Teil der Fortsetzungsgeschichte hatte in jeder Zeitung das gleiche vorproduzierte Layout, versehen mit sehr vielen Zeichnungen und Fotografien. Als Copyright-Inhaber wurde die Agentur International Feature Service genannt, die zum Zeitungsimperium von William Randolph Hearst gehörte. Als Autorin zeichnete Marian Dockerill.

Die sensationelle „Lebensgeschichte“ der Schwester von Leah Hirsig.

Unter dem gleichen Autorennamen erschien zwei Jahre später, 1928, eine Broschüre von 100 Seiten im ‚Pulp‘-Design, also mit Zeichnungen illustriert, auf billiges Papier gedruckt und mit einem vierfarbigen Umschlag versehen, unter dem Titel My Life in a Love Cult – A Warning to All Young Girls. Als Druckort ist Dunellen in New Jersey vermerkt, viele Zeichnungen sind von W. B. Smith signiert. Beides deutet auf eine Nähe des Verlags Better Publishing Company zum Imperium des amerikanischen Fitness-Papstes Bernarr Macfadden hin.

Wahre Geschichten

Hefte wie dieses wurden seit Mitte der 20er Jahre zu hunderten auf den Markt geworfen, schnell produziert und massenhaft vertrieben. Sie profitierten von neuen Drucktechnologien und einem Boom an Periodika, welche wahre Geschichten zu erzählen vorgaben. So erschienen bei Macfadden Titel wie True Story, True Experiences, True Romances, True Detective oder True Love. Das Vorgehen folgte stets dem gleichen Muster: Professionelle Journalisten nahmen Themen auf, die ihnen aus dem Kreis der Leser – oft der Leserinnen – zugetragen wurden, spitzten die Geschichten zu, formulierten sie attraktiv und publizierten sie schliesslich unter dem Namen des Einsenders oder der Einsenderin.

Der International Feature Service übertrug diese Vorgehensweise in die Feature-Beilagen der Zeitungen. Ein besonders schönes Beispiel: Vom November 1926 bis Februar 1927 erzählte eine Zeitungsserie in 13 Folgen aus dem Blickwinkel und unter dem Namen der Protagonistin selber vom Schicksal der Schauspielerin Julia Bruns. Wie bei Marian Dockerill handelte es sich bei der Serie unter dem Titel My Thrills and Horrors as a Party Slave angeblich um eine wahre Geschichte. Hier war es diejenige eines jungen Mädchens vom Land, das eine glänzende Schauspieler-Karriere hinlegte, zu Alkohol und Drogen verführt wurde, in der Drogenhölle versank, allen Reichtum und allen Lebensmut verlor und sich schliesslich aus eigener Kraft wieder aus dem Elend erretten konnte. Sie war grafisch gleich aufgemacht wie die Dockerill-Serie und erschien ebenfalls unter dem Copyright von International Features Service.

Zweifel

Zweifel an der Autorenschaft der beiden „Dockerill“-Texte gab es schon seit längerem. Einige Autoren, darunter John Symonds selber in The King of the Shadow Realm: Aleister Crowley, His Life and Magic (London 1989) bezeichneten den Namen „Marian Dockerill“ als Pseudonym für eine Schwester von Leah Hirsig, Alma Hirsig Bliss. Diese Lesart wird heute noch kolportiert, so unter anderem in Gary Lachmans Biografie Aleister Crowley: Magick, Rock and Roll, and the Wickedest Man in the World (London 2014) sowie im Blog A warning from the High Priestess of Oom vom 29. April 2014 auf der Website der Houghton Library, Harvard University, Cambridge Mass.. Richard Kaczynski hat diese Zuschreibung in seinem Standardwerk Perdurabo: The Life of Aleister Crowley (2. Auflage Berkley 2010) bereits widerlegt. Er wies darauf hin, dass eine Schwester von Leah Hirsig, getauft auf den Namen Anna Maria, sich in den USA Marian nannte und um 1898 einen John Dockerill geheiratet hatte. Dass also „Marian Dockerill“ kein Pseudonym, sondern im Gegenteil der richtige Name der zweitjüngsten Schwester von Leah Hirsig sei. Dem bleibt familiengeschichtlich nichts hinzuzufügen.

Doch Zweifel an der Autorenschaft von Marian Dockerill bleiben. Bei der Recherche zu meiner Biografie von Leah Hirsig fielen mir Ungereimtheiten in den und um die beiden Dockerill-Texte auf. Der erste Text Confessions behauptet, Crowley sei der Vater von Hansi, Leahs erstem Sohn. Dieser Sachverhalt ist nachweisbar falsch, was Leahs Schwester mit Sicherheit bekannt war. Zudem war Marian – entgegen der Bezeichnung durch Mel Gordon – keine Journalistin. Unter ihrem Namen ist ein einziger weiterer Zeitungsbericht überliefert, der im Dezember 1924 von der Entführung von Leahs Sohn Hansi durch die andere Schwester Alma berichtete. Alma hatte Hansi im September 1924, mehr als ein Jahr nach Crowleys Ausweisung aus Italien, in Cefalù abgeholt und ihn nach New York gebracht, während Leah, von Crowley verlassen, in Paris durch eine schwere Krise ging.

Die Spur des Brandmals

Robert Love zitiert in seinem Buch The Great Oom: The Mysterious Origins of America’s First Yogi (London 2010) Marians Darstellung, dass sie „Oom the Omnipotent“ Pierre Bernard mit dessen zukünftiger Partnerin Blanche DeVries zusammengebracht habe, mit einem sehr skeptischen Grundton. Ferner gibt es weder aus dem Umkreis der Familie Hirsig noch aus Crowleys Umgebung einen Hinweis darauf, dass Leah – oder vor und nach ihr andere von Crowleys „Scharlachfrauen“ – von diesem mit einem Brandmal gekennzeichnet worden sei, wie dies in den beiden Texten in drastischen Worten geschildert wird. Die Liste liesse sich verlängern.

Wer also, wenn nicht die reale Marian Dockerill, kommt als Autor in Frage? Die Geschichte mit dem Brandmal, einem fünfzackigen Stern in einem Kreis, gibt uns eine Piste für unsere Recherche. Sie kommt auch in anderen Texten über Crowleys erste Begegnung mit Leah Hirsig vor – ausschliesslich in solchen aus der Feder von William Seabrook. In seinem Buch Witchcraft: Its Power in the World Today (New York, 1940) beschreibt er einen Besuch in Crowleys Apartment, wo er – zum ersten Mal – auf Leah Hirsig treffe, die das Brandmal trage. Von April bis Juni 1923 erschien, ebenfalls von International Features Service verbreitet, in US-amerikanischen Blättern eine zwölfteilige Serie über Aleister Crowley unter dem reisserischen Titel Astounding Secrets oft he Devil-Worshipper’s Mystic Love Cult. Die erste Doppelseite dieser Fortsetzungsgeschichte trug, grossflächig und prominent im oberen linken Seitenviertel, eine Zeichnung, die gemäss Bildlegende Crowley zeigt, wie er Leah mit glühendem Dolch das Brandmal auf die Brust brennt. Als Autor dieser Serie firmiert William Seabrook. Könnte es sein, dass er der wirkliche Autor ist, der unter dem Namen „Marian Dockerill“ – und zweifellos ausgehend von Informationen von ihr – die erwähnten beiden Texte geschrieben hatte?

„Sie bezahlen dafür“

William Buehler Seabrook (1884-1945) war ein amerikanischer Journalist und Schriftsteller, der in den 1920er Jahren für Hearst arbeitete, bevor er mit Buchreportagen aus Arabien (Adventures in Arabia, 1927) und Haiti (The Magic Island, 1929) bekannt wurde. In seiner Autobiografie No Hiding Place: An Autobiography von 1942 berichtet er von den Arbeitsmethoden der Hearst-Journalisten: “I gradually learned that while a certain amount of twisting and distorting was permissible, outright concoction, faking, lying, were taboo – and that there was no such thing as ‘writing down’. They wanted good, clear, exciting, vivid writing and were willing to pay for it.” Wo genau verläuft die Grenze zwischen Verfälschung [distorting] und Erfindung [concoction]?

William Seabrook. Foto Robert H. Davis, New York.

Eine satanistische Orgie, die Marian Dockerill angeblich in Berlin erlebt habe – eine Reise der realen Marian in diesen Jahren nach Europa ist nicht nachweisbar – enthält zwei auffällige Elemente. Zum einen den Tanz um einen Ziegenbock, dem rituell die Kehle durchschnitten wurde. Diese Episode erinnert stark an ein Ritual, das Crowley in Cefalù abgehalten haben soll. Darüber berichtete die mit Seabrook bekannte englische Schriftstellerin Mary Butts in ihrem Tagebuch. Sie hatte sich zum entsprechenden Zeitpunkt in Cefalù aufgehalten. Ein zweites Element in der gleichen Darstellung macht die Sache noch deutlicher: Angeblich habe sich eine Frau während der Orgie an den Daumen aufhängen lassen, bis ihre Schmerzen in Ekstase übergegangen seien. Von solchen Experimenten, die er selber an dafür bezahlten Frauen vorgenommen habe, berichtet Seabrook in seiner Autobiografie. Die Beschreibungen sind sich sehr ähnlich. Man Ray hat in den 1930er Jahren im Auftrag von William Seabrook Fotos gemacht, welche Frauen in sado-masochistischen Situationen zeigen. Teilweise posiert Seabrook mit auf dem Bild.

Spiel mit Fakt und Fiktion

Natürlich reichen diese Indizien noch nicht aus, um die Autorenschaft Seabrooks zweifelsfrei nachzuweisen. Zumal ein Einschub in der Zeitungsserie von 1926 dieses Bild stört. Eine Weile nach Leahs angeblicher Brandmarkung, schreibt „Marian Dockerill“, sei sie zur Teezeit in Crowelys Apartment gegangen und dort auf William Seabrook gestossen. „I disliked this Seabrook at first sight, and the more I saw of him the less I liked him.“ In der Logik der weiteren Erzählung spielt die Figur Seabrook keine Rolle. Was also tut er hier? Warum sollte Seabrook auf diese Weise von sich selber schreiben? Zwei Erklärungen, die sich gegenseitig nicht ausschliessen, sind denkbar. Die erste: Seine Eitelkeit verleitete Seabrook dazu, seine Person auf irgendeine Art in den Text einzuschmuggeln. Die zweite: Er wollte davon ablenken, dass er möglicherweise der Autor sei. Ein weiteres Zitat aus dem Text führt noch zu einer dritten Erklärung: „[Seabrook] reminded me of the worst type of Russian peasant of the kind you read about in Dostoievski – intellectual, well educated, but with a sort of brutal, heavy, animal quality that made him repellent.“ Susan Zieger weist in ihrem Artikel The Case of William Seabrook: Documents, Haiti, and the Working Dead (in: Modernism / modernity, 19/4, 2013) darauf hin, dass Seabrook sein Leben lang mit verschiedenen Rollen und Identitäten experimentiert habe. Warum also nicht auch in diesem Text?

Es gibt unzählige weitere Indizien, die auf William Seabrook hinweisen. Im Vorfeld ihrer Begegnung mit dem russischen Okkultisten Gurdjieff in Fontainebleau – eine solche ist für die richtige Marian nicht nachweisbar – trifft die Ich-Erzählerin eine Bekannte namens Claire de Treilles. Eine Frau mit genau diesem Namen taucht einige Jahre zuvor in der Literatur auf. Genauer in der Geschichte God and the Marquis [de Sade], die in der New Yorker Zeitschrift The Smart Set vom Januar 1921 veröffentlicht wurde. Der Autor dieser Geschichte ist William Seabrook. Schliesslich sei eine neckische Pointe ins Feld geführt, welche unsere letzten Zweifel wegwischt: Auf dem Umschlag der Broschüre My Life in A Love Cult bricht eine freizügig gekleidete blonde Frau durch eine Wand von Zeitungsausrissen. Einige zeigen die Serie, die unter dem Autorennamen „Marian Dockerill“ erschienen war, andere berichten von der skandalgetränkten Kampfscheidung zwischen Edward W. „Daddy“ Browning und Frances „Peaches“ Heenan von Ende 1926, in die Marian Dockerill am Rande involviert war. Ein Ausriss im Zentrum des unteren Bildviertels hingegen zeigt das Titelfragment Walls of the Wild Orient Today. Es hat mit dem Thema der Broschüre nichts zu tun und gehört zu einer Serie über William Seabrooks Arabienreise, die er zwischen November 1925 und Januar 1926 veröffentlicht hatte. Abermals ein augenzwinkerndes Spiel mit Identitäten.

Was trieb Marian Dockerill dazu, der Verwendung ihres Namens und von Details aus ihrem Leben in diesem fiktionalen Kontext zuzustimmen? Sie betrieb über längere Zeit selber ein Geschäft als Wahrsagerin und Numerologin. Vielleicht erhoffte sie sich eine Reklamewirkung. Vielleicht erhielt sie eine schöne Stange Geld dafür. Präzis werden wir es wohl nie wissen.

William Seabrook ist der tatsächliche Verfasser der beiden unter dem Autorennamen „Marian Dockerill“ veröffentlichten längeren Texte. Die Texte weben um einige faktisch gesicherte Kerne herum ein dichtes Netz von Fiktion. Sie sind deshalb als Quellen nur mit äusserster Vorsicht zu verwenden – darin gleichen sie Crowleys eigener Rückschau The confessions of Aleister Crowley: An Autohagiography (London 1989), die posthum von John Symonds und Kenneth Grant herausgegeben wurde. Wenn aber William Seabrook sich hier als begnadeter Geschichtenerfinder entpuppt, kommen wir nicht um die Frage herum: Wie viele seiner Erlebnisse in Arabien, in Haiti und später in Afrika (Jungle Ways, 1930 oder The White Monk of Timbuctoo, 1934) entstammen nicht der Beobachtung oder dem direkten Dabeisein, sondern seiner zweifellos üppigen Fantasie?

(C) 2018